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Ottilie Wilhelmine Roederstein

* 1859 – † 1937

Ergebung, 1918

Öl auf Leinwand
5546

Monogrammiert unten rechts: OW. 1918.

Die deutsch-schweizerische Künstlerin Ottilie Wilhelmine Roederstein zählt zu den bekanntesten Porträtmalerinnen ihrer Zeit und genoss nicht nur in ihrem Heimatland, der Schweiz, große Anerkennung, sondern stellte ihre Gemälde auch erfolgreich in Paris, London, Frankfurt am Main und Chicago aus. Im Jahr 1889 erreicht Roederstein den Höhepunkt ihrer künstlerischen Karriere, als sie auf der Pariser Weltausstellung mit einer silbernen Medaille ausgezeichnet wird. Nach ihren vielen Ausbildungsstationen in Zürich, Berlin, Paris und Frankfurt am Main wohnte die ambitionierte Künstlerin von 1909 bis zu ihrem Tod in Hofheim am Taunus.1 Für das vorliegende Porträt Ergebung saß eine Nachbarin Roedersteins, Juliane Hoppe, geb. Willmann, Modell. Das Gemälde gehört zu einem Bildzyklus, in dem die Künstlerin die entsetzlichen Ereignisse des ersten Weltkrieges verarbeitet. Roederstein beschreibt die Nachkriegsjahre als „Zeitspanne, da ich erfüllt und aufgewühlt von der gewaltigen Tragik der Kriegsfolgen täglich versuchte, mich mit Leben und Welt auseinander zu setzen.“2 Das Porträt der alten Frau ist folglich nicht als Darstellung einer bestimmten Persönlichkeit, sondern als Sinnbild eines leidenden Gemütszustandes aufzufassen. Die Körperhaltung der Porträtierten vermittelt ein Gefühl von Resignation, Trauer und Einsamkeit. Ihre deformierten Hände und der bucklige Rücken zeugen von einem zurückliegenden Leben voller harter körperlicher Arbeit. Tiefe Falten durchziehen das markante Gesicht, der Mund ist schmal und farblos. Ihr wehmütiger Blick ist nach innen gerichtet. In trübsinnige Gedanken versunken, hält sie resigniert die verschränkten Arme vor ihren Körper. Durch die Reduzierung des Hintergrunds auf vier ungefähr gleichgroße Flächen in Grau und Blau wird die detaillierte Widergabe des melancholischen Gesichtsausdrucks noch stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. In gleicher Weise dienen die starken Konturen und das dunkle, kühle Grau und Blau sowie das stumpfe Ockergelb zur Ausdruckssteigerung der bedrückenden Grundstimmung. Neben dem Gemälde Ergebung weisen auch weitere in der Zeit der Weimarer Republik entstandene Porträts mit den Titeln Klage, Kummer oder Verlassen daraufhin, dass diese Reihe von Werken das Leiden thematisiert, welches durch die einschneidenden Ereignisse des ersten Weltkrieges ausgelöst wurde.3

Auf der Rückseite des Bildes befindet sich noch ein Porträt in Öl auf Leinwand, das laut der Werkverzeichnisautorin Barbara Röck ebenfalls im Jahr 1918 entstanden ist. Es zeigt eine ältere Bäuerin mit weißem Kopftuch in hochgeschlossener grauer Kleidung vor grünem Hintergrund. Auch in diesem Fall ist eine Hofheimerin dargestellt.4 Obwohl das Porträt unterhalb der Brust endet, ist die obere Hand ihrer verschränkten Arme ansatzweise zu erkennen. Der Kopf ist leicht nach rechts geneigt, ihr Blick wendet sich ebenfalls vom Betrachter nach rechts ab, so als würde sie sich auf jemanden konzentrieren, der ihr diagonal gegenübersteht. Ihr hängendes rechtes Augenlid verleiht der rechten Gesichtshälfte einen skeptischen und grimmigen Ausdruck, die linke Gesichtshälfte wirkt hingegen wachsam und aufschlossen.

2022 widmet das Städel Museum in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich der freischaffenden Künstlerin eine Sonderausstellung, die nicht nur die künstlerische Entwicklung Roedersteins in den Fokus stellt, sondern auch bisher unveröffentlichtes Foto- und Archivmaterial präsentiert.


  1. Kat. Ausst. frei. schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein, Städel Museum Frankfurt am Main 2021, Berlin 2021, S. 12, 28.

  2. Rök, Barbara: Ottilie W. Roederstein (1859-1937). Eine Künstlerin zwischen Tradition und Moderne, Monographie und Werkverzeichnis, Marburg 1999, S. 145.

  3. Ebd., S. 145ff.

  4. Rök, Barbara: Ottilie W. Roederstein. Werkverzeichnis, Marburg 1999, S. 203 Nr. 1130.

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