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Ferdinand Brütt

* 1849 – † 1936

In der Bildergalerie, Studie

Kohle weiß gehöht auf Papier
7562

Signiert unten links: F. Brütt

Eine Besonderheit in Ferdinand Brütts Œuvre stellt zweifellos sein humoristischer und zuweilen ironischer Blick auf das städtische Bürgertum des späten 19. Jahrhunderts und die damit verbundene Darstellung bestimmter Charaktertypen der wilhelminischen Gesellschaft dar. In lediglich zwei seiner Werke thematisiert der Maler typische Erscheinungen der wilhelminischen Epoche, wie hektische Betriebsamkeit, Zeitmangel und der Verlust an Muße in Bezug auf den Umgang des Großbürgertums mit Meisterwerken der bildenden Kunst in Museen.1
Die vorliegende Kohlezeichnung diente Brütt als Studienbild für diese beiden Werke, von denen sich die moderne Ausführung2 ebenfalls in unserem Besitz befindet. Der Verbleib des anderen Gemäldes In der Bildergalerie (auch: Galeriebesucher)3 ist derzeit unbekannt, jedoch besitzt der Kunstverlag Franz Hanfstaengl eine zeitgenössische Reproduktion des Werkes. Brütt konzentriert sich in seiner Studie auf die skizzenhafte Ausführung einzelner Figurentypen, die in den Ölgemälden erneut aufgegriffen werden. So taucht der Maler auf dem Podest genauso wie die sitzende Kopistin, der in den Museumsführer vertiefte Mann mit Ehefrau und Tochter, welche nur schemenhaft im Pulk der Galeriebesucher zu erkennen sind, sowie der ältere Herr im Vordergrund in unserem Gemälde wieder auf. Die Künstlerin ist nun jedoch stehend, die großbürgerliche Familie nicht mehr lesend, sondern die Kopien betrachtend, und der ältere Mann ohne Opernglas dargestellt. Ebenso überträgt Brütt den in seine Lektüre vertieften Mann samt Ehegattin und die dem Betrachter zugewandte Figur mit dem Opernglas aus unserer Studie in das verschollene Bild In der Bildergalerie (auch: Galeriebesucher). Im Fokus dieser Werke stehen die großbürgerlichen Museumsbesucher, deren Aufmerksamkeit größtenteils auf die Tätigkeit der Kopisten und nicht auf die ausgestellten Originalwerke selbst gerichtet ist. Die Gemälde des Museums werden in der Studie lediglich indirekt durch die Kopien der Maler begutachtet, über das Opernglas studiert oder mit Hilfe von Museumsführern vermittelt. Nicht die Arbeiten großer Künstler, sondern das Verhalten der wilhelminischen Großbürgerschaft als öffentliche Kunstbetrachter steht in diesem Ausschnitt im Mittelpunkt. Als Verkörperung der unbeholfenen Begegnung der Galeriebesucher mit künstlerischen Meisterstücken kann der ältere Mann im Vordergrund angesehen werden. In unserem Ölgemälde wird er allerdings ohne das Opernglas wiedergegeben, um seiner Überforderung im Umgang mit den Werken durch die zum Kopf geführte Hand noch mehr Ausdruck zu verleihen.

Wir danken Herrn Alexander Bastek für seine freundliche Unterstützung.


  1. Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936. Erzählungen und Impressionen, Museum Giersch Frankfurt am Main 2007, Petersberg 2007, S. 23, 36.

  2. Ferdinand Brütt: In der Bildergalerie, 1889, Öl auf Leinwand, 67 x 80 cm, siehe Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936, S. 36 Abb. 23, WVZ Nr. 1889. 1a.

  3. Ferdinand Brütt: In der Bildergalerie (auch: Galeriebesucher), 1889, Öl auf Leinwand, Maße unbekannt, Verbleib unbekannt, siehe Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936, S. 75 Abb. 40, WVZ Nr. 1889.1.

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