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Ferdinand Brütt

* 1849 – † 1936

In der Bildergalerie, 1889

Öl auf Leinwand auf Karton aufgezogen
6880

Signiert, bezeichnet und datiert unten rechts: F. Brütt Ddf 89

Als Genremaler der städtischen Bürgerschaft gilt Ferdinand Brütts Interesse vor allem der Schilderung von alltäglichen Szenen aus dem Leben des Großbürgertums der wilhelminischen Zeit, die er in seinen Bildern in Form von kleinen, humoristischen Erzählungen illustriert.1 In nur zwei Werken seines Œuvres wirft der Künstler einen Blick auf den gründerzeitlichen Bürger als Museumsbesucher. Auf Basis einer Studie Brütts, die sich ebenfalls in unserem Besitz befindet, entstanden das mittlerweile verschollene Ölgemälde In der Bildergalerie (auch: Galeriebesucher)2 und das vorliegende, im Vergleich zu dem erstgenannten modernere und mit lockerer Pinselführung gemalte Werk. Als Vorlage für die Räumlichkeiten dieser Bilder diente sehr wahrscheinlich die Altmeistersammlung des Wallraf-Richartz-Museums, da die Statue der Venus von Milo, die durch eine Tür am rechten oberen Bildrand in hellem Licht zu sehen ist, ebenfalls in Brütts Werk Gemäldegalerie3 auftaucht, dessen dargestellte Bilder als Werke des Kölner Museums identifiziert werden konnten. Brütt verbindet in unserem Bild koloristische Virtuosität mit einer kräftigen Prise Humor, um dem Betrachter den unbeholfenen Umgang des städtischen Bürgers mit der bildenden Kunst vor Augen zu führen. Museumsbesucher aus diversen Schichten und unterschiedlichen Alters kommen in dem Galerieraum zusammen. Diese scheinen jedoch keineswegs an den ehrwürdigen Originalen direkt interessiert zu sein, sondern vielmehr an der Tätigkeit der drei Kopisten, die ihre Staffeleien vor den ausgestellten Gemälden platziert haben, um die Meisterwerke abzumalen. Abgesehen von einer großbürgerlichen Dame am linken Bildrand, hebt kein einziger Besucher den Blick, um die Kunstwerke der Alten Meister auf sich wirken zu lassen. Doch auch wir werden dazu angehalten, nicht die Gemälde, die ohnedies kaum zu identifizieren sind, sondern das Gebaren und die Kunstrezeption der Museumsbesucher mit einer gewissen Distanz zu beobachten. Sinnbild der Überforderung des gründerzeitlichen Kunstbetrachters ist der alte Mann mit Hut und Mantel im Vordergrund des Bildes, der uns aus dem Werk heraus anblickt und, erschöpft von den vielen Seheindrücken, die Hand an die Stirn legt. Ihm scheint der Kopf von den vielen Kunstwerken und ihren Kopien zu schwirren, die ihn von allen Seiten umringen. Auf leicht spöttische Weise gibt uns Ferdinand Brütt nicht nur einen Einblick in die Ignoranz und Unbeholfenheit seiner Zeitgenossen in ihrem Umgang mit künstlerischen Meisterstücken, er leistet mit diesem virtuos gemalten Werk zugleich einen Beitrag als sozialkritischer Kulturschilderer der wilhelminischen Gesellschaft.

Wir danken Herrn Alexander Bastek für seine freundliche Unterstützung.


  1. Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936. Erzählungen und Impressionen, Museum Giersch Frankfurt am Main 2007, Petersberg 2007, S. 31.

  2. Ferdinand Brütt: In der Bildergalerie (auch: Galeriebesucher), 1889, Öl auf Leinwand, Maße unbekannt, Verbleib unbekannt, siehe Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936, S. 75 (Abb. 49), WVZ Nr. 1889.1.

  3. Ferdinand Brütt: Gemäldegalerie, 1887, Öl auf Leinwand, 65,5 x 82,5 cm. Privatbesitz, siehe Kat. Ausst. Ferdinand Brütt 1849–1936, S. 67 (Abb. 33), WVZ Nr. 1887.4.

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