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Anton Burger

Blick in die Frankfurter Judengasse

Öl auf Leinwand
4134,5

Signiert unten rechts: A. Burger

Blick in die Frankfurter Judengasse

Als Sohn eines Weißbinders in der Frankfurter Altstadt geboren und aufgewachsen, widmet sich Anton Burger schon früh in seiner künstlerischen Laufbahn der Darstellung des mittelalterlichen Stadtkerns seiner Heimatstadt. So sind aus der frühen Studienzeit des jungen Künstlers am Städelschen Kunstinstitut unter Jakob Becker und Philipp Veit1 bereits studienhafte Arbeiten überliefert.2
Ausführlich hat Burger sich mit der Wiedergabe der Frankfurter Judengasse beschäftigt, die er erstmals 18613 in einem Gemälde festhielt und in der Folge bis 1883 mehrfach malen sollte. Anhand des in die Gasse hervorspringenden Gebäudes rechts lässt sich der genaue Standort, von dem aus Burger die Judengasse darstellt, bestimmen. Es handelt sich um das Haus Nr. 48, auch „Fröhlicher Mann“ genannt, in dem die Familie Feist eine Weinhandlung betrieb.4 Im Gegensatz zu der regen Betriebsamkeit in der engen und oft überfüllten Gasse wählt Burger eine ruhigere Darstellung, die Einflüsse der Genremalerei seines Lehrers Jakob Becker spürbar werden lassen. In der tonigen Palette treten einzelne Farbwerte hinter einem altmeisterlichen, bräunlich-goldenen Gesamteindruck zurück, was zu einem harmonischen Bild eines behaglich und pittoresk wirkenden Viertels führt.5 Ähnlich wie in anderen Ausführungen der Frankfurter Altstadt von der Hand Burgers werden auch in der Wiedergabe der Judengasse die einschneidenden sozialen und städtebaulichen Veränderungen, die das 19. Jahrhundert mit sich brachte, ausgeblendet. Nach der 1824 endlich erlangten privatrechtlichen Gleichstellung und dem damit einhergehenden Recht der freien Wahl des Wohnortes hatten viele Juden das Getto verlassen, um in andere Stadtteile zu ziehen. Die oft maroden Bauten des Viertels dienten fortan den ärmsten Teilen der Stadtbevölkerung als preiswerter Wohnraum. Im Zuge der beginnenden Modernisierung wurden die Häuser auf der linken Bildseite bereits 1863 teilweise abgerissen, ebenso das Haus Nr. 48 im Jahre 1865.6 Ähnlich wie die englische Schriftstellerin George Eliot in ihrem 1876 veröffentlichten Roman „Daniel Deronda“7 der Frankfurter Judengasse ein von romantischen Vorstellungen geprägtes literarisches Denkmal setzt, ist auch Anton Burgers Sicht eine nostalgisch historisierende. Dabei haben Burgers Gemälde einen hohen dokumentarischen Wert und sind im Zusammenhang mit den Arbeiten seiner Zeitgenossen Carl Theodor Reiffenstein und Eugen Peipers8 zu sehen, welche mit Burger das Bedürfnis teilten, die Frankfurter Altstadt zu bewahren und in ihren Kunstwerken für die nachfolgenden Generationen zu überliefern.


  1. Jakob Becker (1810 Dittelsheim – 1872 Frankfurt am Main) und Philipp Veit (1793 Berlin – 1877 Mainz).

  2. Kat. Ausst. Anton Burger 1824–1905. Zum 180. Geburtstag, Museum Giersch, Frankfurt am Main 2008, Frankfurt am Main 2008, S. 29.

  3. Anton-Burger: Judengasse 1861, Öl auf Leinwand, 97 x 81,5 cm, signiert und datiert unten rechts: A. Burger 61. Das Bild wurde bereits 1862 nach London verkauft und zeigt den internationalen Erfolg, den Burger mit dem Thema hatte. Heute befindet sich das Bild im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, Inv. Nr. 3364.

  4. Dietz, Alexander: Stammbuch der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1907, S. 462.

  5. Kat. Ausst. Anton Burger 1824–1905. Zum 180. Geburtstag, Museum Giersch, Frankfurt am Main 2008, Frankfurt am Main 2008, S. 31.

  6. Ebd. S. 37.

  7. Mary Ann Evans (1819 Nuneaton – 1880 London), besser bekannt unter ihrem Pseudonym George Eliot, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters und lässt ihre Hauptfigur unter anderem nach Frankfurt reisen. Eliot, George: Daniel Deronda, Nachdruck Zürich 1994, S. 458.

  8. Carl Theodor Reiffenstein (1820 Frankfurt am Mai – 1893 ebenda) und Friedrich Eugen Peipers (1805 Stolberg ¬ 1885 Frankfurt am Main)

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